über Buch­ti­tel

Wenn anno 1811 Fried­rich Schei­er­ma­cher mit sei­nem Titel »Kur­ze Dar­stel­lung des theo­lo­gi­schen Stu­di­ums« noch punk­ten konn­te, zeigt das vor allem eines: Das waren noch ande­re Zei­ten. – Mit dem Titel wäre heu­te kein Staat mehr zu machen. Das liegt am The­ma, des­sen Publi­kums­in­ter­es­se rück­läu­fig ist, aber eben auch am Titel.

Für einen neu­en Glos­sen­band von Autoren der Neu­en Frank­fur­ter Schu­le wären denk­bar:

  • »Beim asth­ma­ti­schen Röcheln der Kaf­fee­ma­schi­ne« oder
  • »Frei­dre­hen­de Hoch-Ent­as­ter«.

Stets schwie­rig für fik­tio­na­le Tex­te erschei­nen Eigen­na­men, zumal eben auch fik­tio­na­le. Als also aus Erich Käst­ners Roman »Der Gang vor die Hun­de« nach redak­tio­nel­len Ände­run­gen und vor allem Ent­schär­fun­gen »Fabi­an« wur­de, war dies viel­leicht die ein­zi­ge Mög­lich­keit, das Buch her­aus zu brin­gen, aber es hat­te sei­nen spre­chen­den Titel gegen einen nichts­sa­gen­den ein­ge­tauscht.

Baro­cke Titel waren vor allem eines: läng­lich. In moder­nen Zei­ten, in denen Twit­ters 140 Zei­chen genü­gen muss­ten, las­sen sich nicht ein­mal die Titel ent­spre­chen­der Wer­ke so ver­wurs­ten: Johann Gott­fried Schna­bels »Insel Fel­sen­burg« hieß eigent­lich:

»Wun­der­li­che Fata eini­ger See-Fah­rer, abson­der­lich Alber­ti Julii, eines gebohr­nen Sach­sens, Wel­cher in sei­nem 18den Jah­re zu Schif­fe gegan­gen, durch Schiff-Bruch selb 4te an eine grau­sa­me Klip­pe geworf­fen wor­den, nach deren Über­stei­gung das schöns­te Land ent­deckt, sich daselbst mit sei­ner Gefähr­tin ver­heyra­thet, aus sol­cher Ehe eine Fami­lie mit mehr als 300 See­len erzeu­get, das Land vor­treff­lich ange­bau­et, durch beson­de­re Zufäl­le erstau­nens-wür­di­ge Schät­ze gesamm­let, sei­ne in Teutsch­land aus­ge­kund­schaff­ten Freun­de glück­lich gemacht, am Ende des 1728sten Jah­res, als in sei­nem Hun­der­ten Jah­re, annoch frisch und gesund gelebt, und ver­muth­lich noch zu dato lebt, ent­worf­fen Von des­sen Bru­ders-Soh­nes-Soh­nes-Soh­ne, Mons. Eber­hard Julio, Curieu­sen Lesern aber zum ver­muth­li­chen Gemüths-Ver­gnü­gen aus­ge­fer­ti­get, auch par Com­mis­si­on dem Dru­cke über­ge­ben Von Gisan­dern.

Peter Weiss‹ Stück »Die Ver­fol­gung und Ermor­dung Jean Paul Marats dar­ge­stellt durch die Schau­spiel­grup­pe des Hos­pi­zes zu Cha­ren­ton unter Anlei­tung des Herrn de Sade« war 1964 völ­lig aus der Zeit gefal­len, was sich nicht allein in den sti­li­sier­ten Blank- und Knit­tel­ver­sen zeigt, son­dern eben auch in einem völ­lig aus der Zeit gefal­le­nen Titel, der viel­leicht ins 17. Jahr­hun­dert pass­te, aber sicher nicht in die deut­sche Wirk­lich­keit zwi­schen Wirt­schafts­wun­der, Kal­tem Krieg und Stu­die­ren­den­pro­tes­ten.

Das Gegen­teil betrieb Max Frisch mit sei­nem »Homo faber«. Dass es um den täti­gen Men­schen (homo faber) geht und ande­rer­seits die Haupt­fi­gur des Romans der Inge­nieur Wal­ter Faber ist, fand ich schon als Schü­ler über­trie­ben und gewollt, ein­fach etwas zu dick auf­ge­tra­gen. So aber mach­te man das wohl 1957.

In ande­rer Rich­tung als ich hier wird bei Wiki gedacht; dort auch zu Titel­schutz und der gram­ma­ti­ka­li­schen Hand­ha­bung von Titeln.

Wenn ich dar­über nach­den­ke, wie Titel beschaf­fen sein soll­ten, die Lust auf das gesam­te Buch machen, so den­ke ich an Bei­spie­len ent­lang: Ein guter Titel ist ein­fach zu mer­ken, ein­präg­sam, wenn man so will, er hat kla­ren Bezug zum Buch ohne zu viel vor­weg zu neh­men. Posi­tiv auf­ge­fal­len sind mir in den letz­ten Jahr­zehn­ten:

  • »Der Name der Rose« – allein, weil es ja nicht zuletzt um die Leit­mo­ti­ve im Uni­ver­sa­li­en­streit geht (»Name« und »Rose«), wenn­gleich der Titel an sich auf alles und also auf nichts Bestimm­tes ver­weist. Genau dar­um passt er für die­sen mit­tel­al­ter­li­chen Kri­mi­nal­ro­man so gut.
  • »Nicht ohne mei­ne Toch­ter« – das ist ein­präg­sam, reicht an Span­nung, um zur Lek­tü­re zu rei­zen, und auch dann, wenn die­ser Titel viel vor­weg nimmt, ist er bei­spiel­haft und inso­fern gen­re­ty­pisch.
  • »Die Blech­trom­mel« von Grass ist ein typi­scher pars-pro-toto-Titel, aber als sol­cher ein­präg­sam und gut. Die Trom­mel steht für Oskar Mazerath, der ja mit drei Jah­ren beschließt, nicht mehr zu wach­sen, son­dern zu trom­meln und als (teils aukt­oria­ler) Erzäh­ler auf­tritt.

Wem die­se Bei­spie­le nicht genü­gen, der/die sei auf den Buch­ti­tel­ge­ne­ra­tor ver­wie­sen; ja, ein mäßi­ger Witz. Aber als sol­cher ver­stan­den, habe ich doch drei­mal sechs Titel gene­rie­ren las­sen. Immer­hin.

Mut­maß­lich ist die Post­mo­der­ne ja dadurch gekenn­zeich­net, dass schon alles gesagt sei. Dass also alles neue Spre­chen gleich­sam Zitat sei. Wenn ich aber die Titel­schutz-Regis­ter, die online ver­füg­bar sind, durch­se­he, fällt mir vor allem auf, wie vie­le (gute) Titel bis­her nicht genutzt sind. Mit ande­ren Wor­ten: Für Geisteswissenschaftler/innen bleibt noch eini­ge zu tun. – Soll­te jemand die frei­dre­hen­den Hoch-Ent­as­ter nut­zen wol­len, sind Anfra­gen stets erwünscht. 🙂