Frank Weber, HaNNOVER–UNFRISIERTE GEDANKEN
Frank Weber, HaNNOVER–UNFRISIERTE GEDANKEN
Frohe und gesegnete Weihnachten…
Donnerstag, 25. Dezember 2008
Heilige Nacht
Geboren ward zu Bethlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
Und ist es auch schon lange her,
seit's in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heutigen Tag.
Minister und Agrarier,
Bourgeois und Proletarier
es feiert jeder Arier
zu gleicher Zeit und überall
die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem es geschah,
das feiert lieber Chanukah.)
Erich Mühsam
Aus urheberrechtlichen Gründen muss man heute fast den Tätern im dritten Reich dankbar sein, dass Erich Mühsam nicht länger lebte, nicht länger leben durfte. – Den Gedanken an sich, quasi nachträglich dem so genannten dritten Reich dankbar zu sein, finde ich schon »nicht ganz koscher«. Wobei das wieder so ein Unwort ist: Nicht ganz koscher geht nicht. Entweder ist etwas koscher oder nicht. Entweder ist jemand schwanger oder nicht. Entweder ist jemand Christ oder nicht. Die Begriffspaare sind disjunkt.
Mühsam war in der Münchner Räterepublik 1919 dabei und zeitweise mit Herbert Wehner vertraut.
Zurück zu Weihnachten: Es ist die Bedingung der Möglichkeit für Ostern. Gott wird Mensch, Dir Mensch zu Gute, so heißt es im Choral. – Stimmt. Und weil das eben keine Einbahnstraße ist, Gottes Mensch-Werden, eröffnet dies mir den Weg zu Gott: Als Pharisäer taugte ich sicher nicht, da bin ich mir sicher… Kind einer jüdischen Mutter bin ich nicht, aber selbst wenn ich das wäre, so hätte ich sicher keinen guten Juden abgegeben.
Mir liegt sehr an Gott. Mir liegt auch an meinem Nächsten. Ich habe viel Sympathie für das Volk, das sich Gott nicht ausgesucht hat, sondern von ihm auserwählt wurde. Keine leichte Aufgabe, aber auch ein Privileg. Froh bin ich, dass es eben seit Weihnachten für alle eine neue Zeitrechnung gibt. (Mir geht es dabei weniger um die Jahreszahl 2008, auch nicht darum, ob nun um 4 v. Chr. oder 7 vor Beginn unserer Zeitrechnung die Volkszählung stattfand oder aber die Sternenstellung einen »Stern über Bethlehem« wahrscheinlich oder möglich machte. – Mir geht es vielmehr um das ganz neue, das anbrechende Reich Gottes). – Anstrengend hingegen finde ich öfters, dass noch so wenig von »Gottes neuer Welt« sichtbar geworden ist. Das macht es nicht einfacher, für Gottes Plan mit der Geschichte zu werben.
Schade, dass Weihnachten laut Mühsam nur den Ariern ein Grund zum Feiern ist: Es gilt doch auch in der slawischen Orthodoxie und der orientalischen Orthodoxie… – Schade nur, dass »das Volk, dem das geschah« lieber Chanukah feiert.
Vorbildlich finde ich die Haltung Ken Rockwells; nachdem der Sohn (der gerade zwei Jahre wurde), am Vorabend des Chanukah-Festes geboren wurde, feiert man zweimal Geburtstag: Einmal am (kalendarischen) Geburtstag und andererseits am Chanukah-Fest.
In diesem Jahr gab es zum Nachmittag des Heiligen Abends einen Gottesdienst mit Rosemarie Woelfert und mir mit einer Ochs- und Esel-Predigt (ich hatte die Ochsenrolle). Mir fiel auf, dass wir seit 28 Jahren nun solche Sachen gemeinsam machen. Ganz schön lange. Und doch sehr gut.
Neben den Kolleginnen und Kollegen, den Geschwistern in der Gemeinde, gab es auch eine nette Zeit mit meiner Familie. Wir haben nett gemeinsam gegessen, am Heiligen Abend (wie üblich) ein komplettes Liederbuch durchgesungen, mit Ausnahmen von »O, Tannenbaum«, was ja auch kein Weihnachtslied ist.
Schade, dass Mühsam keinen Sinn für Weihnachten hatte. – Schade, dass er auch nicht viel mit dem mosaischen Gesetz anfangen konnte und wahrscheinlich auch nicht mit dem, der das Gesetz dem Volk gab. Tröstlich ist, dass der, der dann Weihnachten im Rindviehstall Mensch wurde, trotz des Anarchisten Abneigung gegen das Gesetz eine ganze Menge mit Herrn Mühsam anzufangen wusste.
Ein Rind kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn. Israel [aber] hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.
(Jes. 1,3)