God's Politics… -- Gedanken zu Jim Wallis und Sojourners

Jim Wallis
links Wal­lis, rechts der Dolmetscher

Der Unter­ti­tel »Why the Right Gets It Wrong and the Left Doesn’t Get It«, der sagt alles. Jim Wal­lis ist Pas­tor in Washing­ton D.C. und dort in der Innen­stadt, in einer aus­ge­spro­chen armen und arm­se­li­gen Gegend. Dass die­ser Link­sevan­ge­li­kale den­noch seit Jahr­zehn­ten anre­gend denkt und mit sei­nen Fra­gen auch weit außer­halb der USA das Gesche­hen beein­flusst, tut beson­ders wegen sei­ner Gesprächs­kul­tur sehr gut.

Ich danke Cor­ne­lius, der mich vor Jah­ren drauf brachte, auf Jim Wal­lis. Und Cor­ne­lius war es auch, der aus den USA das Buch »Gods Poli­tics« mit­brachte. Ich habe wenig spä­ter (nach­dem ich sei­nes gele­sen hatte) ein eige­nes beschafft und seit dem eine Menge Wal­lis gele­sen. — Wal­lis ist ein ganz gewöhn­li­cher Radi­ka­ler, denn Nach­folge, die nicht radi­kal ist, ist keine. Er fragt etwa: »What would Jesus do?« und eben nicht nur in Fra­gen der Indi­vi­du­al­ethik, son­dern auch in der Frage der Besteue­rung der Nied­ri­gein­kom­men in Haus­hal­ten mit Allein­er­zie­hen­den. Und diese Frage, aus­ge­hend von dem, was auf eng­lisch so viel deut­li­cher als im Deut­schen »com­pas­sion«, also etwa mit­füh­len, mit­lei­den, mit­emp­fin­den, heißt, ist die Basis für ein poli­ti­sches Mit­ein­an­der, in dem eben nicht »christ­lich« das selbe bedeu­tet wie »kon­ser­va­tiv«, indem sehr viel offe­ner gedacht wer­den kann, darf und muss, als es die Recht­sevan­ge­li­ka­len im Bible Belt mit ihrem Pro­gramm »gegen alles, was anders ist« tun.

Aus­gangs­punkt ist die Liebe als Hal­tung Jesu. Wal­lis prä­sen­tiert wie große Ände­run­gen des poli­ti­schen Main­stream, etwa bei Luther King jr., dadurch zustande kamen, dass die ent­spre­chen­den Bewe­gun­gen nicht gegen andere arbei­te­ten, son­dern ver­such­ten, andere zu gewin­nen mit ihrer Sicht, was aus dem Evan­ge­lium folge. Und das pas­sierte. Pro­vo­ka­tion, die andere mit­nimmt. Nicht alle, aber doch sehr viele.

Vor allem schätze ich an Wal­lis sei­nen Ton, der — lei­der auch anders als mein eige­ner! — nicht ver­letzt, das auch gar nicht will, weil er weiß, dass das nichts bringt. Mit ande­ren grün­dete Wal­lis ein Netz­werk namens Sojour­ners, das — wie der Name schon sagt — sich als Gäste auf Erden ver­steht. Dies Netz­werk, das immer noch etwas von Gras­wur­zeln hat, gibt eine Zeit­schrift her­aus und bie­tet ein anre­gen­des Inter­net­an­ge­bot. Natür­lich gibt es Wal­lis‹ Bücher auch auf deutsch, zumin­dest einige. Aber: Wer etwas Eng­lisch kann, dem seien die Ori­gi­nale emp­foh­len. Gut, da feh­len die manch­mal hilf­rei­chen Fuß– oder End­note, und man muss »manch­mal etwas goo­geln, um sie zu ver­ste­hen«, aber: Die Spra­che ist so viel bes­ser im Ori­gi­nal, der Ton macht auch hier die Musik. Auch wenn die Bücher wirk­lich anstän­dig über­setzt sind, lest das Original.

Beim Kir­chen­tag in Bre­men war Wal­lis im Lande. Und es gab einen Dol­met­scher. Es ging um eine Bege­ben­heit aus einem neue­ren Buch (»The Great Awa­ke­ning«, Wal­lis stellt fest, dass in der jün­ge­ren Gene­ra­tion links oder rechts kaum mehr inter­es­sie­ren, die Pas­to­ren und Gemein­den, die Chris­ten über­haupt seien eher prag­ma­tisch), wo Wal­lis auf Lese­reise war, quasi Vor­pro­gramm zu einem Musik­spek­ta­kel. Ein ört­li­cher DJ, der auch bei einem Bür­ger­funk mode­rierte, inter­viewte Wal­lis und kam drauf, dass ja diese neue Bewe­gung, in der nicht mehr zwi­schen links und rechts unter­schie­den werde, einen Namen brau­che. Weil in ame­ri­ka­ni­schen Bibel­aus­ga­ben teils die Worte Jesu rot gedruckt sind, sagte der Mode­ra­tor: Wie wäre es mit »Red let­ter Chris­ti­ans« — und fügte, obwohl selbst säku­la­rer Jude,  hinzu, »I like this red let­ter shit«. Das sprach Wal­lis aus, und der Dol­met­scher über­setzte: »Ich mag die­sen roten Scheiß«. — Lest lie­ber das Original.

2 comments to God’s Politics… — Gedanken zu Jim Wallis und Sojourners

  • Peer Scherenberg

    Ohje! Bitte nicht noch mehr Weichheit!

    Hal­ten wir uns doch an Ernst Moritz Arndt:

    Der Gott, der Eisen wach­sen liess
    der wollte keine Knechte,
    drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
    dem Mann in seine Rechte;
    drum gab er ihm den küh­nen Mut
    den Zorn der freien Rede,
    daß er bestände bis aufs Blut
    bis in den Tod die Fehde!

  • […] (»Chris­tus als Gemeinde gegen­wär­tig«) ent­ge­gen­steht, und dass wir tat­säch­lich »red let­ter Chris­ti­ans« wer­den, also sol­che, die die Worte Jesu (in man­chen eng­li­schen Aus­ga­ben in roter […]

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