Staatsschutz und A5-Tiegel

Am Sams­tag war ich bei einer Geburts­tags­feier. Ein Gast las eine Kurzer­zäh­lung vor, selbst ver­fasst, über die Zeit der wil­den 1970er Jahre. Er hatte für einen »hal­ben Monats­lohn« eine A5-Buchdruckpresse gekauft von einem Buch­bin­der, der mit dem Gerät nur genu­tet hatte und gestanzt. Mit einer Buch­druck­presse geht das, weil man neben dem Ein­satz erha­be­ner Typen aus dem Setz­kas­ten eben auch mit Klin­gen oder »Falz­kan­ten« die Bedruck­stoffe behan­deln kann. 

Der Käu­fer war fas­zi­niert vom Druck und von der Typo­gra­phie. Er druckte Pro­gramm– und Ein­la­dungs­un­ter­la­gen für pro­gres­sive Jazz-Konzerte, wäh­rend damals der Jazz-Club eher für die tra­di­tio­nel­len Spiel­ar­ten der impro­vi­sier­ten Musik stand. Anfangs druckte er zu Hause, aber das störte dann doch andere. Also fand der »Tie­gel« im Kel­ler eines Internationalismus-Buchladens ein neues Heim. Dort wur­den die ent­spre­chen­den Unter­la­gen für den Jazz ebenso erstellt wie einige Visi­ten­kar­ten usw. Eben die Dinge, die man gut auf einer Tie­gel­druck­ma­schine — mit maxi­mal A5-Größe — erstel­len kann.

Eines Tages meinte der Staats­schutz, Akti­vi­tät zei­gen zu müs­sen: Im Internationalismus-Buchladen wurde eine Haus­durch­su­chung abge­hal­ten, und als die Beam­ten im Kel­ler eine Druck­ma­schine fan­den, auch wenn es bloß eine alte Tie­gel­presse bis A5 war, so meinte man, damit die Quelle aller kom­mu­nis­ti­schen Zei­tun­gen usw. end­lich gefun­den zu haben. Einige Zeit muss es gedau­ert haben, bis die tech­ni­schen Para­me­ter schließ­lich zur Frei­gabe des alten A5-Tiegels führ­ten. Denn die kom­mu­nis­ti­schen Zei­tun­gen waren im Off­set in A3 gedruckt. Tja. Und der pro­gres­sive Jazz konnte wei­ter mit Print­ma­te­rial ver­sorgt werden.

Wer diese Tie­gel­presse sehen möchte, dem sei das Buch­druck­mu­seum in der Lim­mer­straße emp­foh­len, dort steht sie und auch ihr Besit­zer, der sicher gerne die (ja auch viel mys­ti­schere) münd­li­che Thora wie­der­gibt, der ist dort auch zu finden.

Das letzte Mal, dass ich mit einer Tie­gel­presse zu tun hatte, das war, als eine inzwi­schen insol­vente Dru­cke­rei in Han­no­vers Nor­den für McD’s Akti­ons­gut­scheine stanzte und prägte. Ein mach­ba­rer Auf­trag, aber mör­de­risch knapp kal­ku­liert. Sollte nur etwas nicht klap­pen (und es geht immer etwas schief), hieß das, ein Wochen­ende durch­ar­bei­ten. Ich hätte wis­sen müs­sen, dass, wer sol­che Auf­träge annimmt, kurz vor der Pleite steht. Aber ansons­ten schätze ich den frü­he­ren Inha­ber und vor allem die Arbeit sei­nes lang­jäh­ri­gen Dru­ckers sehr, aber das war größ­ten­teils Offset.

Und die Moral von der Geschicht: Tech­ni­scher Sach­ver­stand hilft, und auch beim Staats­schutz wäre es nicht schlecht, davon mehr ein­zu­kau­fen. Gerade des­halb, weil es ja heute im Web2.0 nicht mehr um so Fra­gen geht wie A5 ist nicht A3 und Buch­druck ist nicht Off­set. — Da habe ich gerade die Idee einer neuen Fern­seh­se­rie. Warum müs­sen bloß immer Patho­lo­gen Lei­chen befra­gen? Warum nicht ein­mal andere Kriminaltechniker?

Ich denke an den mitt­ler­weile fort­ge­bil­de­ten jun­gen Schreibmaschinen-Spezialisten aus »Das Leben der ande­ren«, der genau weiß, wel­che Typen einer bestimm­ten Maschine zuzu­rech­nen sind, und der oben­drin weiß, wel­ches Modell wel­cher DDR-Autor benutzt. Der könnte doch heute anhand der Unter­schiede im Ren­dern einer pdf-Datei auf die Pro­zes­sor­ge­ne­ra­tion schlie­ßen oder an Norm­ab­wei­chun­gen in der Hand­ha­bung der Bezier­funk­tio­nen von Open­Type Rück­schlüsse auf die Feh­ler­quote der ein­ge­set­zen RAM-Bausteine abgeben.

Ich fürchte nur, dass nach­dem nicht mal mehr der WDR-Computerclub läuft, allen­falls Heise an sol­cher Idee inter­es­siert seien könnte, und bis­her sind die nicht im TV-Seriengeschäft. Schade eigent­lich. Naja, dann wird eben der 500. Quin­cey wie­der­holt. Auch gut. Ein Grund mehr, aufs Fern­se­hen zu verzichten.

2 comments to Staatsschutz und A5-Tiegel

  • Peer Scherenberg

    Ich glaube, du hast da was ver­paßt. Der Com­pu­ter­club wurde von Back und Rudolf, nach­dem eine ver­trags­ge­mäße Sperr­frist abge­lau­fen war, unter http://​www​.cczwei​.de/ reak­ti­viert, sowohl als Audio, wie auch Video­for­mat. Es lebe Web2.0, das feh­ler­hafte Ent­schei­dun­gen der Alt­me­dien kor­ri­gie­ren kann. So etwas hätte es frü­her nicht gegeben.

    Übri­gens habe ich gele­sen, daß moderne Laser­dru­cker Kon­troll­pi­xel dru­cken, die einen Rück­schluß auf den Dru­cker zulassen.

  • Vie­len Dank für den Hin­weis, ich weiß, dass es die Sen­dung wie­der gibt und wir haben auch schon drü­ber gespro­chen. Habe bereits hin­ein­ge­schaut. Web2.0 sei Dank.

    Die Kon­troll­pi­xel sind ja nur die Spitze des Eis­ber­ges. Klar, wenn ein Far­b­la­ser in sei­nen z.B. gel­ben Ras­tern die Seri­en­num­mer kodiert: Das ist kein gro­ßes Kino. Aber wenn man da tie­fer ein­steigt, dann wird es span­nend, bloß braucht es dann Men­schen, die mehr kön­nen als Stop-Schilder auf­zu­stel­len.
    Gruß
    Frank

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