Zum Vorlesetag am 18. November

Die »Stif­tung Lesen« hat nicht nur einen Bericht vor­ge­stellt, in dem gezeigt wer­den kann, dass Kin­der, denen regel­mä­ßig vor­ge­le­sen wird, ca. eine halbe Schul­note bes­ser in Mathe­ma­tik abschnei­den als andere. Nein, die Stif­tung bläst zum hei­ßen Herbst, mit dem Vor­le­se­tag am 18. Novem­ber. Die­ses Datum wird mit einer eige­nen Domain bewor­ben und auch mit fer­tig gestal­te­ten Mate­ria­lien, Pla­ka­ten, Foto-Einverständniserklärung und online-Anmeldung. Die Bahn und die Wochen­zei­tung »Die Zeit« för­dern das Pro­jekt des Vorlesetags.

Nun bin ich ein gro­ßer Freund des Vor­le­sens, aber auch einer, der nicht recht ver­ste­hen kann, wie man öffent­lich zu der­ar­ti­gen Straf­ta­ten auf­ru­fen kann: Das Lesen von urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Tex­ten in der Öffent­lich­keit kann eine Auf­füh­rung oder ein Vor­trag sein. Und ein sol­cher ist kei­nes­wegs mit dem Kauf des Buches abgegolten.

Bei eini­gen CDs eines Rezi­ta­tors mit einer Jazz­band (»Jazz­Talk mit Röh­r­kas­ten«) habe ich Erfah­run­gen sam­meln kön­nen, wie schwie­rig es ist, die ent­spre­chen­den Frei­ga­ben von den Rech­te­in­ha­bern (bzw. den von Erben­ge­mein­schaf­ten beauf­trag­ten Rechts­an­wäl­ten) zu erlan­gen. Das ist ein Heiden-Schreibkram und macht der­ma­ßen viel Arbeit, dass eine — gar öffent­li­che — Ein­la­dung zu sol­chem »Rechts­bruch« nicht drin ist.

Es sei denn, ich lese etwa Apu­leius von Madau­ras »Gol­de­nen Esel« oder ande­res Mate­rial, bei dem Autor, Über­set­zende usw. hin­rei­chend lange ver­stor­ben sind. Goe­the also und Schil­ler, Hor­varth gerade so, aber Käs­t­ner kei­nes­falls! Böll ist tabu und James Krüss sowieso. Tja, liebe Kin­der, gebt fein Acht — ich hab euch etwas mit­ge­bracht, und das ist min­des­tens sieb­zig Jahre alt (sofern der Autor/die Auto­rin unmit­tel­bar anschlie­ßend der Lite­ra­tur einen Dienst erwie­sen hat, indem er/sie es vor­zog abzu­le­ben). Sollte aber es sich um ein Jugend­werk han­deln und der Urheber/die Urhe­be­rin lange leben, dann folgt, dass diese Texte lei­der unge­eig­net sind für den Vor­le­se­tag. Pech gehabt. — Es könnte frei­lich auch pas­sie­ren, dass inzwi­schen von der VG Wort (die am Markt ja reich­lich ver­füg­ba­ren) stu­dier­ten Geisteswissenschafter/innen wie GEZ-Kontrolleure oder GEMA-Informanten aus­schwär­men, um die Vorlesetag-Veranstalter anschlie­ßend mit ent­spre­chen­den Rech­nun­gen zur Kasse zu bitten:

»Sehr geehrte Lei­te­rin der Kin­der­ta­ges­stätte X in Y,
durch öffent­li­che Ein­la­dung haben Sie für den 18. Novem­ber 2011 zu einem so genann­ten Lese­tag ein­ge­la­den. Hier­bei wur­den u.a. zwei Kin­der­ge­dichte der von uns ver­tre­te­nen Auto­ren Z und A öffent­lich aufgeführt/vorgetragen. Hier­für besa­ßen Sie keine Frei­gabe der Rech­te­in­ha­ber, wir erlau­ben uns daher, Ihnen unsere Unter­las­sungs­er­klä­rung zur Unter­schrift zuzu­sen­den, zusam­men mit einer Rech­nung über BCD Euro.
Soll­ten Sie …«

Möch­ten Sie oder möch­test Du das, lie­ber Leser? Nein? Ja, dann emp­fehle ich, ganz schnell Texte aus der Reclam Uni­ver­sal­bi­blio­thek zu beschaf­fen und alles zu unter­las­sen, was zu sol­chen »Miss­ver­ständ­nis­sen« füh­ren könnte. Lesen, gar laut, in der Bahn übri­gens, kann auch noch gegen deren Beför­de­rungs­be­din­gun­gen ver­sto­ßen, weil es ja ein »unan­ge­mel­de­ter Vortrag«/»Erbringung von Leis­tun­gen« in den Zügen ist. Lesen ist sil­ber, Schwei­gen ist Gold.

Wer nun meint, dass ich hier über­triebe, dem sei die­ser Arti­kel emp­foh­len, der die Ver­gü­tung der Schu­len an die Rech­te­in­ha­ber nicht bloß wirt­schaft­lich regelt, son­dern die Schu­len zwingt, auf 1 % aller Com­pu­ter einen »Schul­tro­ja­ner« zu instal­lie­ren, der so genannte »Pla­giate«, also nicht urhe­ber­recht­lich abge­gol­tene Texte, Bil­der, Musik … zu erken­nen und zu mel­den. Ja, es gibt eine Menge Beam­ten­recht­li­cher und sons­ti­ger Rechte, die hier tan­giert wer­den. Und das alles, weil es bis heute kein ver­nüf­ti­ges Imma­te­ri­al­gü­ter­recht gibt. Liebe Juris­tin­nen und Juris­ten, wäre das nicht mal ein Feld, auf dem eine Lösung drin­gend erfor­der­lich ist? Wir kön­nen doch nicht län­ger so tun, als wären »Pla­giate« mit den Mit­teln der Goe­the­zeit nach­ge­druckte Bücher, wenn jemand ein Dia­gramm aus dem Schul­buch scannt und in seine Fach­ar­beit ein­fügt! Natür­lich kann man erwar­ten, dass der Schü­ler den Ver­lag anschreibt, den Rech­te­in­ha­ber der Gra­phik aus­fin­dig macht, mit die­sem sich pri­vat­recht­lich einigt, und, sagen wir mal 5,80 EUR + 7 % Mehr­wert­steuer über­weist. Bloß muss dann die Zeit zur Abfas­sung ent­spre­chen­der Arbei­ten deut­lich aus­ge­dehnt wer­den, denn ich weiß aus eige­ner Pra­xis, wie lange so etwas dau­ern kann.

Abschlie­ßend ein letz­ter Vor­schlag: Wer ein Net­book sein eigen nennt, evtl. einen UMTS-Zugang hat, kann auch ein­fach aus die­ser Seite, mei­nem Sudel­web vor­le­sen, ein­fach mei­nen Namen und die Inter­net­adresse nen­nen, zum Bei­spiel nach der Lesung oder am Anfang, und alles ist gut, denn die Texte hier ste­hen unter Crea­tive Com­mons Lizenz.

2 comments to Zum Vorlesetag am 18. November

  • Markus

    Wie war das bei Bon­hoef­fer und dem Schü­ler, der nicht lügt, wenn er auf die Frage des Leh­rers, ob sein Vater ges­tern Abend wie­der völ­lig betrun­ken nach Hause gekom­men sei und dar­auf mit »Nein« antwortet?

    Wenn ich an die Idee die­ses Tages denke, finde ich es gut, dass das welt­li­che Gesetz über­tre­ten wird, um Gutes zu tun. Klar, man könnte es sicher­lich auch anders machen, aber wenn das so eine popu­läre Sache ist, könnte sie wirk­lich einen Wer­be­ef­fekt haben. Und: Dass Kin­der im Schnitt schu­lisch bes­ser sind, als andere, wenn ihnen im Kin­des­al­ter viel vor­ge­le­sen wird, ist empri­sich belegt (wobei natür­lich auch irgend­wel­che Pro­zent­zah­len immer kri­tisch zu sehen sind).

    Recht­lich gebe ich Dir recht. Aber die Inten­tion als sol­ches finde ich gut. (»gut« dies­mal wirk­lich im mora­li­schen Sinne).

  • Peer Scherenberg

    Ich finde, wir soll­ten zum 18. Novem­ber die Trup­pen des Omon aus­lei­hen, die alle diese gefähr­li­chen Straf­tä­ter auf fri­scher Tat ertappt und in ein Arbeits­la­ger in Workuta abtrans­por­tiert, wo sie ihre Schul­den abar­bei­ten kön­nen. Alter­na­tiv kön­nen sie als Spit­zel für mit dem Urhe­ber­recht befaßte Orga­ni­sa­tio­nen tätig wer­den. Ein alter tsche­kis­ti­scher Trick. In jeder Klasse soll­ten min­des­tens ein bis zwei Agen­ten sit­zen. Da wim­melt es doch bestimmt von nicht­an­ge­mel­de­ten Rund­funk­emp­fän­gern neuen Typs! (Jedes inter­net­fä­hige Handy)

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